Ein Gespräch über den Mut beim Firmenaufbau, warum reiner Umsatz eine gefährliche Vanity-Metrik ist und warum die überwältigende Mehrheit der E-Commerce-Brands einen hochprofitablen Marketingkanal noch immer komplett ignoriert.
Admetrics: Wenn du heute beauftragt würdest, eine schwächelnde E-Commerce-Ad-Performance zu retten: Was wären die ersten drei Hebel, die du in den ersten 48 Stunden prüfen würdest?
Johannes Mansbart, CEO & Co-Founder, Chatarmin: Schwächelnde Ad-Performance ist fast immer auf fehlendes Message-Market-Fit und Offer-Market-Fit zurückzuführen. Wenn ich von Kunden gefragt werde, die noch kein Product-Market-Fit haben, sage ich immer: noch nicht mit WhatsApp beginnen. Also: mehr Creatives testen, mehr Hooks ausprobieren, besseres Top-of-Funnel-Marketing generieren und dadurch einen Winning Angle finden, der vom Storytelling, Messaging und Offer her so passt, dass du skalierbar und profitabel Neukundenakquise hast. Die kannst du dann hinten raus auch mit WhatsApp bespielen.
Admetrics: Was war der teuerste Fehler deiner bisherigen Karriere und wie hat dieser deine heutige Arbeitsweise nachhaltig verändert?
Johannes: Die falschen Leute zu schnell zu holen und dann zu langsam zu feuern. Wenn du die richtigen Leute hast, bist du als Gründer bald arbeitslos und hast richtig Spaß. Wenn du die falschen Leute hast, ist deine Firma tot.
Was sich konkret geändert hat: Am Anfang machst du alles, immer und sofort. Über Zeit wird der Kalender immer leerer. Zuerst arbeitest du zu 100 % am Kunden, später zu 100 % am Team. Das ist eine riesige Umstellung, mit der die meisten Gründer nicht zurechtkommen.
Admetrics: Erzähl uns von einem Projekt, das gerade deshalb erfolgreich war, weil du gängige Best Practices der Branche bewusst ignoriert hast.
Johannes: Jedes einzelne bis jetzt. Auch Chatarmin wurde so gebaut, wie mein Mitgründer und ich einfach gedacht haben, ohne großartig nachzudenken. Einfach gemacht. Das würde kein Investor und kein Consultant jemals absegnen. Aber den Naiven und Mutigen gehört die Welt.
Ich empfehle das auch allen jungen Gründern, weil sie sonst zu viel Respekt vor dem Blueprint haben, zu viel Furcht vor der Strategie und nie in die Umsetzung kommen. Der erste Schritt ist der schwierigste. Also: einfach machen. Und ab einem gewissen Punkt schaust du nicht mehr zurück, weil die Kunden dich zwingen, einfach weiterzuarbeiten.
Admetrics: Welche goldene Regel im E-Commerce, die vor fünf Jahren noch absolut gesetzt war, ist heute eher schädlich oder führt in die Irre?
Johannes: Mit KI zu hantieren war vor fünf Jahren sehr abenteuerlich und hat nicht funktioniert. Image-Generierung war schlecht, Copy-Tools waren schlecht. Mittlerweile sind Content Creator und Copy Creator extrem gut, KI sollte überall eingesetzt werden.
Was heute schädlich ist: zu schnell zu viele Leute holen. Ich nutze KI bei fast allem: Finanzplanung, Controlling, Pitches gegen Mitbewerber, Marketing-Analysen. Mein Ziel ist aber, dass ich die KI nicht mehr brauche, weil ich ein so tolles Team habe, das die Firma ohne mich aufbaut.
Admetrics: Welche Metrik wird deiner Meinung nach von den meisten völlig überbewertet, obwohl sie kaum echte Aussagekraft besitzt?
Johannes: Umsatz. Die meisten Gründer flexen mit Umsatz, aber das sagt nichts. Du kannst unendlich viel Umsatz machen, wenn du die falschen Kunden anziehst, für deine Produkte zu viel nimmst oder Produkte verkaufst, für die du Geld nimmst, aber nicht lieferst.
Die wichtigste Metrik ist Zufriedenheit - im Team und bei den Gründern. Ein Gründer, der nicht happy ist, strahlt das sofort auf das Team aus und von dort auf die Kunden. Das schafft nur Paranoia, Angst und Unzufriedenheit. Und das ist das Letzte, was du willst.
Admetrics: Wenn du dein gesamtes Budget auf einen einzigen Trend für 2026/2027 setzen müsstest, wo würdest du investieren?
Johannes: Auf junge Gründer, die bootstrappen im Software- oder Agent-Bereich. Es war noch nie so billig und so einfach, ein Produkt und eine Firma zu bauen. Und es gibt so viele frustrierte junge Menschen wie noch nie, die merken, dass Uni und Abschluss sie nicht zu dem Leben befähigen, auf das sie richtig Bock haben. Mit denen will ich am liebsten zusammenarbeiten und unendlich viele digitale Unternehmen aufbauen und skalieren.
Admetrics: Wie wird KI aktuell für Aufgaben genutzt, die zuvor schlichtweg unmöglich waren, statt sie nur zur reinen Zeitersparnis einzusetzen?
Johannes: Erstens trauen sich mittlerweile auch deutsche und österreichische Unternehmen an KI heran. Compliance ist kein Blocker mehr. Zweitens liefert KI echte Ergebnisse. Jeder, der mit Sprache oder mit Claude Code mittlerweile Aktionen und Prozesse baut, merkt: Da passiert was, was früher einfach unmöglich war.
Alle, die das früh verstehen und KI-Produkte jetzt schon an den Mittelstand im DACH-Raum verkaufen, haben einen unfassbaren Vorsprung. Alle anderen, die noch in Software und manuellen Prozessen denken, haben einen extremen Nachteil. Die Digitalisierungsschere geht immer weiter auseinander: die Gewinner gehen nach oben, der Mittelbau wird langfristig nicht überlebensfähig sein.
Admetrics: Was ist eine Überzeugung, die du in Bezug auf E-Commerce hast, der aber fast niemand sonst in der Branche zustimmt?
Johannes: Dass WhatsApp Marketing funktioniert. Wir machen das seit dreieinhalb Jahren, haben fast 500 Kunden, aber das ist nicht mal 5 % des Marktes. Es gibt Tausende von Unternehmen im deutschsprachigen Raum, die im E-Commerce schon sehr erfolgreich sind und WhatsApp noch immer nicht nutzen. Und dasselbe gilt für KI im Customer Support. Zwei Hebel, die fast noch nicht genutzt werden. Und daran arbeiten wir, das zu ändern.
Dieses Gespräch ist Teil der The Ecom Leadership Series, in der wir gemeinsam mit Branchenexperten die entscheidenden Erfolgsfaktoren für E-Commerce-Wachstum entschlüsseln. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche und liefern praxiserprobte Insights direkt aus dem operativen Geschäft.


